Interview mit Kai Meyer

Kai Meyer, geboren 1969, hat seit 1993 rund 50 Bücher veröffentlicht, hauptsächlich Fantasy-Romane und Erzählungen. Sein sprachlicher Stil macht ihn zum deutschen Aushängeschild für Fantasy- und Abenteuerliteratur.
„Eines der großen deutschen Erzähltalente.“ – Der Spiegel
soforthoeren.de: Gerade ist Dschinnland, der Auftakt zu Ihrer neuen Sturmkönige-Trilogie erschienen. Wie entstand die Idee zu dieser Trilogie?
Kai Meyer: Mir ging es darum, dem heutigen, hässlichen Bild von Bagdad wieder das mythische Bagdad und den alten Traum vom Morgenland gegenüberzustellen. Zurück zu den Bildern und Archetypen von Tausendundeiner Nacht, ohne aber Sindbad oder Ali Baba zu recyceln. Ich wollte eine moderne epische Fantasygeschichte erzählen, in den Kulissen der Orientalisten, dem romantisierten und vollkommen irrealen Märchenorient.
Andreas Fröhlich ist Sprecher der neuen Trilogie. Meiner Meinung nach eine sehr gute Sprecherwahl – haben Sie ihn ausgewählt? Und wenn ja, warum?
Andreas Fröhlich hatte bereits die Hörbücher meiner Wellenläufer- und Wolkenvolk-Trilogien eingelesen, beide mit großem Erfolg. Der Vorschlag kam seinerzeit von der Hörcompany, und weil ich mit den Drei Fragezeichen aufgewachsen bin und Andreas zudem einen meiner Lieblingsschauspieler, John Cusack, synchronisiert, gefiel mir die Idee sehr gut. Das hat sich bestätigt, als die ersten Hörbücher fertig waren. Mein Vorschlag war es dann, ihn in der Hauptrolle der Hörspieladaption meines Romans DIE VATIKAN-VERSCHWÖRUNG zu besetzen. Als es um die Lesungen der STURMKÖNIGE-Trilogie ging, war er meine erste Wahl, zumal wir uns auch privat gut verstehen. Er hat DSCHINNLAND im Manuskript gelesen, und sofort Einflüsse und Deutungen erkannt, auf die niemand sonst gekommen ist.
Ihre Figuren werden oft mit passenden Stimmen etc. charakterisiert, z.B. der Hexhermetische Holzwurm. Auch bei den Hörbüchern sind die Geräusche sehr passend ausgewählt, sie versetzen in eine bestimmte Stimmung, ohne die Handlung zu überlagern. Wie kommt eine Figur zu ihrer Stimme und wer wählt die Hintergrundgeräusche und die Hintergrundmusik aus? Haben die Sprecher und Produzenten da freie Hand oder reden Sie mit?
Wenn ich mich recht erinnere, haben Andreas und ich damals darüber gesprochen, dem Hexhermetischen Holzwurm in den WELLENLÄUFERN einen leichten Gollum-Touch zu geben – das war ja gerade die Zeit, als er Gollum für die Herr-der-Ringe-Filme synchronisiert hat. Aber der Wurm ist eine leichtere Figur, nicht so düster und getrieben wie Gollum, und das hat Andreas sehr schön auf den Punkt gebracht. Die Hörcompany hat mir ab und an ein paar Hörproben von Geräuschuntermalungen geschickt, bei den STURMKÖNIGEN habe ich mich – schon aufgrund der drängenden Zeit – überraschen lassen.
Bei den Hörspielen bin ich sehr viel involvierter, dort gehe ich Satz für Satz über die Textadaptionen, feile daran herum und schreibe meinen eigenen Originaltext um, wenn es mir richtig erscheint. Das sind aber alles nur Formulierungsfragen, nicht viel mehr. Stefan Maetz, der sowohl DIE ALCHIMISTIN als auch DIE VATIKAN-VERSCHWÖRUNG adaptiert hat, ist ein versierter Drehbuchautor und leistet jedes Mal großartige Arbeit in der Umsetzung vom Roman zum Hörspiel. Was die Sprecher angeht, so habe ich eine ganze Reihe Stimmen für DIE ALCHIMISTIN vorgeschlagen, auch einige für die Hörspieladaption der WELLENLÄUFER, die 2009 erscheint.
Anders war es bei meinen Originalhörspielen DER BRENNENDE SCHATTEN und DER KLABAUTERKRIEG, die vom WDR produziert und besetzt wurden. Aber auch da kann ich mich nicht beschweren. Jörg Schlüter ist zweifellos einer der besten deutschen Hörspielregisseure, und wenn ich mehr Zeit hätte, würden wir wohl häufiger zusammenarbeiten. Hoffentlich wieder 2009.
In ihren Büchern vermischen Sie historische und fantastische Elemente. Die fantastischen Elemente sind oft Mythen entnommen. Wählen Sie nur fantastische Elemente aus, die in den entsprechenden historischen oder zeitlichen Kontext passen oder nehmen sie, was Ihnen gerade einfällt? Welchen Reiz übt genau diese Mischung auf Ihre Leser und auf Sie als Autor aus?
Meine Recherche zu einem Thema beginnt fast immer mit den Mythen und Legenden des jeweiligen Schauplatzes. Bevor ich mich mit der Historie auseinandersetze – die ich dann auch gern mal ignoriere oder verdrehe -, nehme ich mir die Mythologie vor. Elemente daraus vermischen sich dann meist ziemlich schnell und organisch mit meinen eigenen Ideen, so dass ich bald selbst keine Grenze mehr ziehen kann. Wenn ich mir zum Beispiel die WOLKENVOLK-Trilogie ansehe, müsste ich sehr genau nachdenken, um zu entwirren, was ich mir habe einfallen lassen, und was auf chinesischen Mythen beruht, vor allem im dritten Band.
Sie haben, bevor sie freier Schriftsteller wurden, als Redakteur und Journalist gearbeitet. Glauben Sie, die Arbeit als Journalist ist eine gute Vorbereitung für den Beruf als Schriftsteller?
Journalismus war für mich in mehrfacher Hinsicht eine gute Schule. Zum einen habe ich als Redakteur einer Boulevardzeitung gelernt, zielgenau und ökonomisch zu recherchieren. Zum anderen hat man mir dort mit Anfang Zwanzig ausgetrieben, mich selbst für den größten Stilisten unter der Sonne zu halten – jeder Text kann verbessert werden, ganz gleich, wer ihn geschrieben hat. Und zuletzt, und das ist genauso wichtig, haben wir unsere Texte für ein Boulevardblatt konsequent auf Emotion und größtmöglichen Effekt gebürstet. Das merkt man meinen Büchern, glaube ich, heute noch an.
Sie sagen, dass sie aus den üblichen Schwarz-Weiß-Klischees gängiger Fantasyliteratur ausbrechen und gern Grauschattierungen verwenden. Andererseits ist es Ihnen wichtig, dass Ihre Leser staunen können. Gerade in der Fantasy gibt es in jüngerer Zeit immer mehr düstere Welten mit Figuren, die eher grau als schwarz oder weiß sind. Solche Welten sind sehr realistisch und historisch sehr nahe am Mittelalter z.B. der Zeit der Rosenkriege wie das Lied von Eis und Feuer oder die Schattenkämpferin. Was halten sie von düsterer Fantasy? Glauben sie, dass bei so viel düsterer Realitätsnähe das Staunen zu kurz kommt?
Viel düsterer als DIE STURMKÖNIGE geht es kaum, glaube ich. Buntes Morgenland und all das Drumherum – sehr gern. Aber die Geschichte ist keine besonders freundliche. George R.R. Martin mag ich, aber ich habe schon im zweiten Band den Überblick verloren und dann die Finger davon gelassen. Dafür lese ich mittlerweile berufsbedingt zu oberflächlich, was den Plot angeht, und wiederum zu penibel in Sachen Stil und Dramaturgie. Ich merke gerade, dass ich immer mehr die Lust am Lesen von Romanen verliere, und das scheint vielen Autoren nach einer Weile so zu gehen. Man kennt die Tricks und Kniffe, und man durchschaut zu schnell, wie andere ihre Geschichten bauen. Ich sehe hinter allem die Kulissenschieber, die frische Farbe und die Souffleuse unter der Bühne – leider. Darum kann ich nicht wirklich objektiv über die Bücher anderer Schriftsteller reden.
Hören sie selbst Hörbücher oder Hörspiele? Oder lesen sie lieber?
Hörbücher selten, dafür um so mehr Hörspiele. Ich bin in den Siebzigern mit den Europa-Schallplatten aufgewachsen, wie so viele von denen, die jetzt selbst mit der Produktion der neuen Generation von Hörspielen zu tun haben. Ich fühle mich da sehr zuhause und bin auf wenig so stolz wie auf die achtteilige Adaption meiner ALCHIMISTIN. Ich würde nie noch mal meine eigenen Bücher lesen, aber die Hörspiele kann ich beliebig oft rauf und runter hören, so als wären das ganz neue Geschichten für mich.
Hören sie ihre eigenen Bücher, wenn sie als Hörbücher produziert worden sind, noch einmal durch?
Bei den Hörbüchern nur in Auszügen, mal ein, zwei CDs am Stück. Das ist mir zu nah am Buch, und ich stolpere auch über das eine oder andere Problem, das durch die Kürzungen entsteht – Wortwiederholungen, zum Beispiel, die es so im Roman nicht gab, weil eine halbe Seite Text dazwischen war, im Hörbuch aber manchmal nur ein halber Satz. Dabei, und das muss ich auch ganz klar sagen, bin ich sehr für gekürzte Hörbücher. 25 CDs von ein und derselben Geschichte kann ich mir nicht anhören. Das heißt, ich versuche es gerade mit Lübbes Wüstenplanet. Mal sehen, ob ich bis zum Ende durchhalte. Das wäre ein ziemliches Novum für mich. Das Silmarillion habe ich mal komplett geschafft und fand es toll, aber ansonsten bin ich nicht der typische Hörbuchkonsument.
Sie haben mit Andreas Fröhlich bereits eine Lesereise zur Wolkenvolk-Trilogie gemacht. Planen Sie zu zweit auch eine Lesereise zur Sturmkönige-Trilogie?
So etwas wurde kürzlich mal im Verlag angedacht. Würde mich freuen, wenn es klappt. Andreas und ich harmonieren ganz gut auf der Bühne, glaube ich.
Sie sagen in vielen Ihrer Interviews, dass es gerade für angehende Autoren wichtig ist, träumen zu können, und ihre eigenen Ideen nicht als Spinnereien abzutun, sondern als mögliches Potenzial für eine Geschichte zu akzeptieren. Möchten Sie mit Ihren Büchern die Menschen zum Träumen bringen?
Der Reiz beim Schreiben ist ja, andere Menschen die eigenen Träume träumen zu lassen – aber aus ihrer eigenen Perspektive, in ihrer eigenen Ausstattung, mit eigener Besetzung. Jeder Leser ist ein Regisseur seines eigenen Films im Kopf. Ich würde eine Menge dafür geben, mal eine Auswahl davon ansehen zu können. Quasi eine DVD-Sammlung mit Interpretationen meiner Geschichten, nicht wissenschaftlich, nur gefühlt, als reine emotionale und visuelle Inszenierung. Das wäre toll.
Vielen Dank für das Interview!
Dieses Interview führte Gina Berardi vom soforthoeren.de-Team
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