Inhalt:
Ein Fremder kommt zu GastKriminalgeschichte von Marc Freund
Der Kriminalschriftsteller Lucas P. Fulton wird vom eigenwilligen Lord Holmbury in sein düsteres Haus eingeladen, das hoch über dem nebligen Kanal liegt. Bereits auf der Fähre hat Fulton eine Begegnung mit einem unheimlichen Fremden. Nur wenig später wird er Zeuge, wie der Mann getötet und in den Kanal geworfen wird. Der Täter kann im Schutz des dichten Nebels entkommen.
Die Ereignisse, die Fultons Ankunft bereits überschatteten, nehmen einen dramatischen Verlauf, als Lord Holmbury noch in derselben Nacht den Tod findet. Er liegt mit eingeschlagenem Kopf vor dem Sockel des Kamins.
Während die Polizei von einer Serie von Unfällen ausgeht, glaubt Fulton, dass jemand im Haus des Lords ein böses Spiel treibt.
Fulton nimmt die Untersuchungen auf und fordert so den Mörder heraus. Ein lebensgefährliches Unterfangen, wie sich schnell herausstellt. Noch immer ist der Mörder auf freiem Fuß und niemand kann sicher sein, was er als Nächstes plant.
Da macht Fulton eine entscheidende Entdeckung. Und ihm wird klar, dass er den Fall noch einmal aufrollen muss. Beginnend mit der Gestalt des unheimlichen Fremden, der eine ganz besondere Rolle zu spielen scheint…
Personen und Handlung dieses Buches sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sowie existierenden Unternehmen wären also
rein zufällig.
ebook ( pdf ) 55 Seiten.
Leseprobe:
E i n F r e m d e r k o m m t z u G a s t
- Kriminalstory -
Es war ein kalter Abend, an dem das kleine Fährschiff Juliet über den Hastings-Kanal in Richtung Stroker’s Mill glitt. Der Bug tauchte regelmäßig in Nebelbänke, die wie ein überdimensionales Tuch auf dem Wasser lagen.
In weiter Ferne war ein Signalhorn zu hören, dessen Geräusch gedämpft zu den wenigen Passagieren der Juliet herüber drang.
Das Verlangen nach frischer Luft und Tabak ließ Lucas P. Fulton die schmale Treppe hinauf an Deck steigen. Er stützte sich auf die Reling und begann damit, seine Pfeife zu stopfen.
Hin und wieder schimmerten seltsam blasse Lichter vom noch fernen Ufer durch die Nebelbänke, wenn diese plötzlich vor der Fähre zerfaserten.
Fulton versuchte, ein Streichholz anzureißen, doch es zündete nicht. Grummelnd warf er die feucht gewordene Packung über Bord und blickte sich suchend um.
Er musste zweimal hinsehen, um die einsame Gestalt am Bug der Fähre auszumachen. Wie eine Galionsfigur stand sie dort, teilweise in Nebel gehüllt und reglos.
Fulton zog die Stirn in Falten, als er sich der Erscheinung näherte.
Sie war von Kopf bis Fuß in einen langen schwarzen Mantel gehüllt, der im Dämmerlicht der Schiffsbeleuchtung nass glänzte. Der Kopf war bedeckt von einem Filzhut mit breiter Krempe, die das Gesicht fast vollkommen verdeckte.
Als Fulton bis auf wenige Schritte herangekommen war, rührte sich die Gestalt und drehte den Kopf in seine Richtung. Eine Hakennase wurde erkennbar und, als sich der Mann vollends zu ihm umwandte, zwei graue Augen, die ihn aufmerksam musterten.
»Guten Abend«, sagte Fulton lächelnd und deutete auf die Pfeife in seiner Hand. »Haben Sie zufällig Feuer?«
Der blass wirkende Fremde antwortete nicht. Er blinzelte kurz, dann vergrub er seine rechte Faust in der Manteltasche. Als er die Hand wieder hervorzog, hielt er darin ein großes silbernes Feuerzeug. Mit einer kurzen Bewegung drehte er an dem Rädchen.
Fulton beugte sich vor und hielt die Pfeifenöffnung in die unruhige Flamme. Wenig später tat er an der Seite des Schwarzgekleideten seinen ersten Zug. »Scheußliches Wetter, nicht wahr?«
»Ja, scheußlich«, gab der Fremde zurück. Seine Stimme klang schnarrend, so dass Fulton der Vergleich mit Pergamentpapier in den Sinn kam.
Für einen Moment standen die beiden Männer schweigend nebeneinander und lauschten dem Geräusch des Dieselmotors, der beinahe friedlich vor sich hintuckerte.
Fulton nutzte die Gelegenheit, den Anderen aus den Augenwinkeln heraus zu mustern. Von dessen Hutkrempe tropfte flüssig gewordener Nebel auf die Bootsplanken. Im Schatten der auffälligen Kopfbedeckung lag ein Gesicht, das im Verborgenen bleiben wollte.
Fulton glaubte auch den Grund dafür zu kennen: Über die rechte Wange des Unheimlichen verlief eine auffällige Narbe, die sich bis zum Ohr erstreckte.
Der Fremde schien Fultons Gegenwart gar nicht wahrzunehmen. Er hielt seinen Blick starr auf das Ufer gerichtet, das inzwischen zum Greifen nahe schien.
Fulton nickte dem Mann zum Abschied zu und verließ ihn so, wie er ihn vorgefunden hatte: Stumm und bewegungslos.
Es sollte nicht die letzte Begegnung zwischen dem Schriftsteller und dem Schwarzgekleideten bleiben.

