Inhalt:
Groß ist Artemis von EphesosDer Apostel Johannes ermittelt
-ebook- ( 214 Seiten ) von Karl Plepelits
Der Apostel Johannes lebt, gemeinsam mit Mutter Maria, in einem bescheidenen Anwesen nahe Ephesos. Zur selben Zeit besucht der Apostel Paulus Ephesos und löst dort (laut Apostelgeschichte, Kapitel 19) "einen schweren Aufruhr" aus.
Mit diesem ist auf rätselhafte Weise ein mysteriöser Mordfall verknüpft: Eine junge Frau namens Nikaia wird von ihrem Schwager, demselben, der den Aufruhr angezettelt hat, angeklagt, Ehemann und Kind ermordet zu haben. Und das Überraschende daran: Sie leugnet diese Verbrechen nicht.
Während der Apostel Johannes das Gefängnis nach eventuell eingekerkerten Christen durchforstet, wird er auf die Angeklagte aufmerksam und beschließt, der Wahrheit auf den Grund zu gehen und, sollte sich die Anklage als falsch herausstellen, sie vor dem Schierlingsbecher zu retten und überdies nach Möglichkeit zum christlichen Glauben zu bekehren. Zwar gerät er mehr als einmal in haarsträubende Situationen, ja in akute Lebensgefahr. Doch schließlich gelingt es ihm, den Fall lückenlos aufzuklären; und dieser Erfolg wirkt sich in der Folge höchst segensreich für die Verbreitung des jungen Christentums aus.
Dieser Krimi beruht auf authentischen Zeugnissen der Zeit und gewährt Einblicke nicht nur in das Denken und Fühlen des Urchristentums, sondern in das tägliche Leben der Römer und Griechen des 1. Jahrhunderts nach Christus, ebenso in das Rechtssystem und die Praxis der Rechtsausübung sowie in das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem jener Zeit, speziell die verschiedenen Aspekte der allgegenwärtigen Sklaverei. Zur Sprache kommen aber auch etwa die Methoden der Geburtenkontrolle sowie die weitverbreiteten (und keineswegs völlig unberechtigten) Vorurteile gegen das junge Christentum – all dies von einem ausgewiesenen Fachmann für Altertumswissenschaft (Spezialgebiete: griechische Komödie und griechischer Roman) und Kirchenväterkunde akribisch recherchiert.
Personen und Handlung dieses Buches sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sowie existierenden
Unternehmen wären also rein zufällig.
Leseprobe:
Groß ist Artemis von Ephesos
Der Apostel Johannes ermittelt
-ebook- ( 214 Seiten ) von Karl Plepelits
Geliebte! Hört die Geschichte von Eros und Nikaia. Ihr sollt erkennen, wie sehr die Heiden in ihrem Denken verfinstert sind, wie sehr es Not tut, sie in das Licht zu führen, in dem wir Christen wandeln. Denn die Zeit ist nahe.
Es geschah zur Zeit, als die Mutter unseres Herrn noch unter uns weilte. Sie lebte, wie er es am Kreuz befohlen hatte, mit mir wie mit einem Sohn zusammen. Wir bewohnten, gemeinsam mit meinen Jüngern, ein einsames Anwesen nahe Ephesos und führten ein beschauliches Leben in Liebe, Wahrheit, Frieden, Frömmigkeit, Gerechtigkeit.
In Ephesos weilte längere Zeit auch unser Bruder Paulus, um den Samen des Wortes Gottes zu säen und dieses unter allen Bewohnern der Provinz Asien, Juden wie Griechen, bekannt zu machen. Doch dann brach ein gewaltiger Aufruhr gegen ihn aus, und er musste sich wie ein Aussätziger vor der aufgebrachten Volksmenge verstecken und Ephesos überstürzt verlassen.
Zwei Tage dauerte es, ehe die Kunde von diesen Vorfällen bis zu uns drang. Sie erfüllte mich mit großer Sorge um die Gemeinde Christi. Begleitet von Simon, einem meiner Jünger, machte ich mich unverzüglich auf, um zu erkunden, ob Christen eingekerkert worden seien. Der Herr selbst hat uns ja aufgetragen, kranke und eingekerkerte Brüder zu besuchen.
Wer beschreibt meine Erleichterung, als sich herausstellte, dass doch keine Christen eingekerkert waren. Dafür aber erschütterte mich etwas anderes über alle Maßen.
Während wir nämlich unter Führung einer Gefängniswärterin die Frauenabteilung durchforsteten, erregte eine junge Frau mit edlen Gesichtszügen und zerrauften blonden Haaren unsere Aufmerksamkeit. Die Füße mit einer Eisenkette gefesselt, hockte sie in einer dunklen Ecke und schluchzte herzzerreißend.
Auf meine Frage, welche Bewandtnis es mit dieser Frau habe, erklärte die Wärterin, sie sei des zweifachen Mordes angeklagt. Des Mordes an Ehemann und Kind. Diese Antwort erschütterte mich noch mehr, und in Gedanken fluchte ich dem Satan, der die Heiden in ihrer Unwissenheit immer wieder zum Bösen anstiftet.
Ich sprach die Gefangene an und redete ihr zu, ihre Verbrechen zu bereuen und sich zum wahren Gott zu bekehren. Sie aber schien mir nicht einmal zuzuhören.
Da stürzte plötzlich ein junger Mann auf sie zu, fasste sie mit beiden Händen an den Schultern und rief leidenschaftlich aus: „O meine Nikaia!“ Sie aber fiel ihm, laut aufschreiend, um den Hals und legte ihr Gesicht auf seine Schulter.
Da erschien mir unsere Anwesenheit vollends überflüssig. Unauffällig zogen wir uns zurück, nicht ohne mit Erbitterung das Vorhandensein des Bösen in der Welt und die Verworfenheit der Heiden zu beklagen.
Als wir, zu Hause angekommen, den anderen von diesem Vorfall berichteten, geschah etwas völlig Unerwartetes: Mutter Maria rügte uns. Warum wir uns denn nicht ein wenig mehr um die Angeklagte bemüht hätten? Warum wir so schnell aufgegeben hätten? Vielleicht habe die Gefangene nur unabsichtlich getötet. Vielleicht könnte sie gerettet werden, für das irdische Leben und, mag sein, auch für das Reich Gottes. Ihr (Marias) Sohn habe sich im Umgang mit den von der Gesellschaft Ausgestoßenen bei weitem nicht so zimperlich gezeigt.
Dadurch beschämt, suchten wir anderntags neuerlich das Gefängnis auf und hatten, um es kurz zu machen, exakt den gleichen Erfolg. Als ich schon nahe daran war aufzugeben und nur aus Hochachtung vor Mutter Maria noch nicht die Geduld verloren hatte, erschien derselbe junge Mann, begrüßte die Gefangene auf dieselbe Weise wie tags zuvor und wurde von ihr auf dieselbe Weise begrüßt. Diesmal zogen wir uns aber nicht sofort zurück, sondern beschlossen, auf das Ende der Liebesszene zu warten, in der Hoffnung, mehr zu erfahren.
Die Liebesszene endete. Der junge Mann wandte sich brüsk nach uns um, musterte uns von oben bis unten und knurrte: „Seid ihr von Demetrios geschickt?“

